Stand Up For Science

Stand Up For Science

Photo by dirkvorderstrasse

Wissenschaftlichkeit und Fakten müssen zunehmend mit Ignoranz und gefühlter Realität konkurrieren. Doch Widerstand formiert sich. Jan Kurz plädiert für einen gemeinsamen Aufstand der Vernunft.


Masern – Totgeglaubte leben länger


Im letzten Jahr hat die Panamerikanische Gesundheitsbehörde die Masern als fünfte durch Impfungen vermeidbare Erkrankung (neben Pocken, Kinderlähmung, Röteln und die entsprechenden Erkrankungen des Embryos) auf dem amerikanischen Kontinent offiziell für ausgerottet erklärt. Dieser Erfolg ist maßgeblich auf jahrzehntelange Impfaktionen, insbesondere in Mittel- und Lateinamerika, zurückzuführen. Derweil strebt die WHO die Ausrottung der Masern auf der gesamten Welt an – ein Ziel, das fast zum Greifen nahe liegt. Dennoch kommt es ausgerechnet in industrialisierten Ländern mit einem hohen medizinischen Entwicklungsgrad immer öfter zu größeren lokalen Masernausbrüchen, wie beispielsweise 2005 in Hessen und Oberbayern oder 2008 in Österreich. In jüngster Vergangenheit kam es zudem in Berlin zu einem weiteren Zwischenfall. Insbesondere unter der Gruppe der Schulkinder sind derlei kleine Epidemien häufig. Prognosen des Robert-Koch-Institutes zufolge ist sogar damit zu rechnen, dass Masern in Deutschland wieder heimisch werden könnten.

Grund dafür ist nicht etwa die Biologie des Virus selbst oder der größere Austausch von Menschenmengen aufgrund zunehmender Globalisierung, sondern sogenannte Impfgegner – Personen, die aufgrund einer Skepsis gegenüber Impfstoffen und Angst vor Komplikationen keine Impfungen zu sich nehmen. Die Sorge vor schweren Nebenwirkungen, wie man sie bei manchen starken Medikamenten finden kann, ist dabei unbegründet und irrational. Solche Nebenwirkungen existieren bei Impfungen nachweislich nicht. Neben persönlichen Anekdoten und absichtlichen Falschmeldungen aus dem Internet gibt es nur eine einzige medizinische Studie, die behauptet, einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus gefunden zu haben. Bei dieser handelte es sich allerdings um eine absichtlich herbeigeführte Fälschung. Der Arzt Andrew Wakefield erhielt für diese rund eine halbe Million Pfund von einer Anwaltskanzlei, die Eltern autistischer Kinder vertrat. Er selbst sah in der Verbreitung von Kombinationsimpfungen ein Problem für sein eigenes Geschäftsmodell, welches auf Mehrfachimpfungen beruhte. Der Artikel mit dem Titel „Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children” wurde nach Bekanntwerden des Skandals von der medizinischen Fachzeitschrift  „The Lancet” zurückgezogen. Zehn der dreizehn Autoren distanzierten sich öffentlich von dem Artikel und bekundeten, nichts von dem kriminellen und schändlichen Verhalten Wakefields gewusst zu haben. Gegen den Betrüger selbst wurde ein Berufsverbot erlassen.


Die Rückkehr der Impfgegner


Obwohl dieser Schandfleck der Wissenschaftsgeschichte spätestens seit 2010 in allen Details bekannt ist, hängen noch immer viele Menschen dem modernen Ammenmärchen von den Autismus verursachenden Impfungen an. Der bekannteste unter ihnen ist der neue US-Präsident Donald Trump. Er stellte sich bereits mehrfach hinter diese längst widerlegte, haltlose These und beabsichtigt, den impfskeptischen Politiker Robert F. Kennedy Jr. zum Chef eines Gremiums für Impfsicherheit zu machen. In seinen Büchern beruft sich Kennedy in Fragen zur Impfsicherheit häufig auf die oben genannte gefälschte Studie und begründet damit seine ablehnende Haltung. Das ist zweifellos ein weiteres Zeichen unter vielen, dass sich die neue US-Regierung der Suche nach Wahrheit weder auf dem allgemeinen politischen Parkett noch im Bereich wissenschaftlicher Administration verpflichtet fühlt. Doch von dieser Ignoranz geht eine direkte Gefahr für die gesellschaftliche Gesundheit aus. Wenn nicht mehr geimpft wird, steigt die Zahl der Infektionen, der Kranken und damit auch die Zahl der Geschädigten. Wenn Kinder nicht mehr mit besagtem Kombinationsimpfstoff gegen Mumps, Masern und Röteln immunisiert werden, kann dies zu Hirnhaut-, Lungen- und Gehirnentzündung, Fehlbildungen, Behinderung und dem Tod führen.

Dies ist nur ein Beispiel unter vielen für die um sich greifende Fakten- und Wissenschaftsfeindlichkeit. Ein weiteres ist die Berufung Rick Perrys als Energieminister der USA. Dieser leugnet den Klimawandel – über den sich 99% der Forscher weltweit einig sind – und will fossile Energieträger intensiv fördern, das umweltzerstörende Fracking inklusive. Es scheint fast, als hätte sich Trumps Regierung den Kampf gegen die wissenschaftliche Methode und ihre Erkenntnisse an mehreren Fronten auf die Fahnen geschrieben. Wissenschaftler, gerade in den USA, müssen an diesem Punkt erkennen, dass das Wichtigste an ihrer Disziplin von der Regierung massiv unterminiert wird, nämlich intellektuelle Aufrichtigkeit. Der Weg von intellektueller Unredlichkeit zu ethischer Korrumpierbarkeit ist kurz und schmal. Aus einem „Impfen verursacht Autismus” folgt rasch ein „Impfungen auf Eis gelegt”. Die Konsequenzen liegen auf der Hand.


Stand Up For Science


Wissenschaftler müssen ihre Stimme erheben und notfalls nicht davor zurückschrecken, auch unorthodoxe Argumente zu verwenden, um ihre Forschung zu schützen und weiter betreiben zu können. So ging vor einiger Zeit die Meldung durch die Medien, dass Angestellte und Forscher der Institute, die sich mit Klimaforschung beschäftigen, massenhaft ihre wertvollen Daten auf ausländischen Servern speichern, fernab des Zugriffs der Regierung Trumps. Dieses Vorbild wird Schule machen für alle Forschungszweige, die dem Präsidenten nicht genehm sein werden, die seine Politik als haltlos, schädlich und ineffizient entlarven.

Weiterer Widerstand regt sich überall in der wissenschaftlichen Community. Zahlreiche Forscher, wissenschaftliche Autoren und Unterstützer haben sich inzwischen zusammengeschlossen, mit der Absicht, in zukünftigen Wahlen mehr Wissenschaftler für politische Ämter aufzustellen. Die Gruppe nennt sich „314 Action“, sie ist nach dem Beginn der endlosen Kreiszahl Pi – 3,14159…– benannt. In ihrem „Mission Statement“ schreiben die Aktivisten, dass die USA neue politische Köpfe brauchen, „die verstehen, dass der Klimawandel real ist und die auch motiviert sind, Lösungen zu finden“. Nach ihrem Vorbild müssen sich aufgeklärte Menschen weltweit zusammentun und Druck auf ihre Regierungen ausüben, um an Fakten orientierten, vernünftigen Lösungen für die großen Probleme, die auf uns als Menschheit lasten und in Zukunft nicht abnehmen, sondern noch wachsen werden, zu arbeiten.
Lösungen sucht derweil auch Trump: Sein Golfplatz an der irischen Küste versinkt zunehmend im steigenden Meeresspiegel. Der Bauantrag für einen Schutzwall – der große Macher liebt solche Bauwerke – wird von Trumps Firma mit der Klimaerwärmung begründet. Das ist an unverfrorener Doppelzüngigkeit nicht zu überbieten.

Jan Kurz

Jan Kurz

Co-Gründer und Autor bei Partei der Humanisten
Jan Kurz

Letzte Artikel von Jan Kurz (Alle anzeigen)

Schreibe uns doch eine Nachricht:

Sending

©2017 Partei der Humanisten – Freiheit. Fairness. Fortschritt.

Log in with your credentials

Forgot your details?