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Foto von Erik Schepers

Großbritannien genehmigt neue biotechnologische Heilmethode gegen tödliche Erbkrankheiten. Die Kirchen sind dagegen und blockieren den Fortschritt. Deutschland ist deshalb weiter im Rückstand. Jan Kurz plädiert für mehr Wissenschaftlichkeit und weniger religiösen Dogmatismus.

Zu Beginn dieses Jahres stimmte das britische Parlament über die landesweite Genehmigung einer neuartigen biotechnischen Heilungsmethode für eine bestimmte Art von Erbkrankheiten unter dem Begriff „Mitochondriopathien“ ab. Mitochondrien sind die „Kraftwerke“ der Zellen, in denen die in Nahrung gespeicherten Energieträger wie Zucker und Fette unter Energiefreisetzung stufenweise zu Wasser und Kohlendioxid oxidiert werden. Sie besitzen ihr eigenes Erbgut in Form eines ringförmigen DNA-Moleküls. Mitochondrien werden nur mütterlicherseits über die Eizelle vererbt, was somit auch für Schäden in deren DNA und damit verbundene Erbkrankheiten gilt.

Mitochondriopathien sind qualvoll und können unbemerkt vererbt werden

Oft treten die verantwortlichen Mutationen erst in den Eizellen einer Frau auf und betreffen nur ein oder mehrere von über hundert Stück pro Zelle. Geschädigte Mitochondrien erzeugen weitere kranke Nachkommen durch Zellteilung. Normalerweise erkrankt der Träger schon kurz nach der Geburt oder im Kleinkindalter. Weil das Zahlenverhältnis von gesunden zu kranken Organellen aber stark variieren kann und die Verteilung auf Organe und Gewebe bei der Entwicklung des Embryos zufällig erfolgt, kommt es auch vor, dass die Krankheit erst im Erwachsenenalter ausbricht und unterschiedlich intensiv verlaufen kann. Bei Personen mit nur sehr schwacher Ausprägung des Leidens können Umwelteinflüsse ebenfalls zu einem späteren Ausbruch führen. Daher können letztlich auch schwere oder tödliche Formen dieser Erkrankung unerkannt weitervererbt werden.

Mitochondriopathien sind nach Ausbruch in der Regel tödlich und für den Träger überaus qualvoll, weil sie Organe mit hohem Energiebedarf wie Gehirn, Herz oder Muskulatur besonders stark beeinträchtigen. Sie führen unter anderem zu Epilepsie, Muskelschwäche, Blindheit oder Herzversagen. Man kann die Erbkrankheit selbst nicht heilen, sondern nur die Symptome lindern. Wenn eine Frau mit einer – auch nur sehr schwachen oder unerkannten – Mitochondriopathie einen Kinderwunsch hat, vererbt sie die Erkrankung mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit weiter. Um das zu verhindern sind eine künstliche Befruchtung und eine Eizellenspende nötig. Dabei wird im ersten Schritt der Zellkern aus einer unbefruchteten Eizelle der Patientin entnommen. Der Zellkern mit dem mütterlichen Erbmaterial wird dann in die Eizelle einer gesunden Eizellspenderin transferiert, deren Zellkern zuvor entfernt und verworfen wurde. Die Spenderzelle enthält dann den Zellkern der Patientin und die Mitochondrien der Eizellspenderin. Danach erfolgt die künstliche Befruchtung.

„Drei-Eltern-Baby“ ist eine medienwirksame aber unsinnige Bezeichnung

Medienwirksam wird der heranwachsende Embryo meist als „Drei-Eltern-Baby“ bezeichnet, obwohl das biologisch unsinnig ist. Die DNA der Mitochondrien macht nur 1/5000 des gesamten Erbgutes aus und hat keinen Einfluss auf Erscheinungsbild oder Charakter eines Menschen. Zudem ist das Mitochondrienerbgut aller Menschen nahezu identisch, sodass es gar keine Rolle spielt, woher diese im Einzelfall stammen. Die Rede von einem Menschen mit drei Eltern klingt lediglich abenteuerlich exotisch oder gar verrucht. Das macht sie aber nicht weniger reißerisch und unsinnig.

Vor fünf Jahren befand sich die Technik noch in der Endphase des medizinischen Erprobungsstadiums. Im Jahr 2009 gelang es US-Wissenschaftlern erstmals, die Prozedur erfolgreich bei Affen anzuwenden. Die erste Durchführung mit menschlichen Eizellen erfolgte 2012. Großbritannien ist nun das allererste Land der Welt, das die noch junge aber zuverlässige Befruchtungstechnik als medizinischen Eingriff gesetzlich legitimiert. Als nächstes Land dürften voraussichtlich die Vereinigten Staaten nachziehen, sobald das zuständige Beratungsgremium der Gesundheitsbehörde von den praktischen Resultaten aus England überzeugt sein wird. Ab diesem Herbst können sich Kliniken und Labore darum bewerben, die Mitochondrienspende anzubieten.

Kirchen fördern mit Pseudoargumenten Leid statt Heilung

In ihrer üblichen Lobbymanier mischte sich die katholische Kirche im Vorfeld der Parlamentsabstimmung in die Debatte ein und verdammte die selbstbestimmungserweiternde und leidverhindernde Technik mittels ethisch belangloser Pseudoargumente wie unter anderem einem Dammbruch-Fehlschluss betreffend vermeintlicher „Designer-Babies“. Die fortschrittsfeindlichen Bemühungen der Church of England blieben jedoch erfolglos, denn bereits lange im Vorfeld der Abstimmung nach Bekanntgabe der experimentellen Erfolge an Embryonen aus 2012 befürwortete eine breite Mehrheit der Bevölkerung, an Medienkommentatoren und Naturwissenschaftlern die Gesetzesänderung.

Großbritannien ist neben den USA bekannt für seine große Fortschrittlichkeit im Bereich der Biotechnologie und Medizin. So fand dort beispielsweise im Jahr 1978 in Manchester die erste erfolgreiche künstliche Befruchtung der Welt statt und im Jahre 1996 entstand mit dem Bergschaf „Dolly“ das erste geklonte Lebewesen in Edinburgh. In Deutschland steht eine Heilmethode für Mitochondriopathie leider nicht in Aussicht, weil Eizellspenden generell verboten sind. Angesichts der stark konservativ-religiösen Parlamentsbesetzung wird sich daran in naher Zukunft nichts ändern.

Deutschland ist wegen Fortschrittsfeindlichkeit weiter im Rückstand

Der hiesige Konservativismus betreffend Bio- und Medizintechnik insbesondere in Form von Gentechnologie, Klonierung und Stammzellenforschung erweist sich sowohl für unseren Industrie- und Wissenschaftsstandort, als auch für unsere aufgeklärte und moderne Gesellschaft als wenig ruhmreiches Blatt. Durch hauptsächlich ideologisch und religiös-moralisch motivierte Forschungsverbote und bürokratische Restriktionen sind wir einerseits langfristig gefährdet, wirtschaftliche Standortvorteile und intellektuelles Know-How auf diesem zukunftsträchtigen Gebiet zu verspielen. Andererseits erweist sich Deutschland auch in ethischer Hinsicht als wenig fortschrittlich, indem technische Mittel und Wege zu einer verbesserten Selbstbestimmung und Leidverminderung/Glücksvermehrung seiner Bürger im wissenschaftlich machbaren Rahmen nicht optimal ausgeschöpft werden.

Wir sollten uns auf diesem Gebiet verstärkt ein Vorbild an Ländern wie Großbritannien nehmen, die trotz ähnlich konservativer Politik und Bevölkerungsmehrheit den Wert der Freiheit von Forschung und Wissenschaft zum Vorteil der Menschen verinnerlicht haben.

Jan Kurz

Jan Kurz

Co-Gründer und Autor bei Partei der Humanisten
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