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Es steht auf Basis zahlreicher historischer und mathematischer Beobachtungen und Simulationen zu erwarten, dass durch den zunehmend beschleunigt ablaufenden naturwissenschaftlichen Erkenntniszuwachs und technologischen Fortschritt massive Veränderungen auf die Gesellschaft der modernen Industrienationen zukommen. Es darf davon ausgegangen werden, dass insbesondere das 21. Jahrhundert durch den verstärkten Einfluss einiger Schlüsseltechnologien geprägt werden wird, deren Wirkung auf die Gesellschaft insgesamt noch nicht vollendet abgeschätzt und beurteilt werden kann. Exemplarisch genannt seien hier vor allem die Biotechnologie, Nanotechnologie, künstliche Intelligenz, Quantencomputer, Kernfusion und letztlich ein Zeitalter der Raumfahrt. All diese in jüngster Zeit verstärkt in den öffentlichen Fokus rückenden Technologien beherbergen das Potential in den kommenden Jahrzehnten das Wesen der Zivilisation stark zu beeinflussen.
Die Partei der Humanisten identifiziert den wissenschaftlichen Fortschritt als Triebfeder der menschlichen Zivilisation, sowohl in technologischer Hinsicht, als auch bezüglich Fragen der Ethik und Gesellschaftspolitik. Als evolutionäre Humanisten begreifen wir den steten Wandel und die fortlaufende Veränderung und Anpassung der menschlichen Lebensumstände als wertvolle Chance auf dem Weg zu einer fairen, selbstbestimmten und besseren Welt. Daher betrachten wir die Förderung von Wissenschaft und Technologie sowie die Schaffung von rechtlichen Rahmenbedingungen als zentrales Anliegen unserer Politik.

In jüngster Zeit vermehren sich Meldungen und Berichte über einen besonderen Forschungszweig innerhalb der Biowissenschaften, namentlich „Human Longevity“, die Verlängerung des menschlichen Lebens und der Fitness durch Anwendung der Genetik und Biochemie. Es scheint nicht unwichtig, einen detaillierten Blick auf denkbare Folgen und Konsequenzen dieser Bemühungen zu richten. Denn entscheidende Durchbrüche in diesem Bereich haben gute Aussichten darauf als erste der Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts das Leben der Menschen nachhaltig zu verändern.

Evolutionäre Aspekte

Der Tod. Die schwerste Krankheit der Menschheit – Mortalitätsrate einhundert Prozent – Medikamente: nicht verfügbar. Biologen bezeichnen den Verfall auf Zellebene, die sogenannte Seneszenz, gerne metaphorisch als Krankheit, obwohl man es als Mechaniker auch als Wartungsstau oder Verschleißproblem identifizieren könnte. (Beides ist sachlich nicht ganz korrekt). Blickt man sich in der Welt des Lebendigen um, so erkennt man, dass fast alle Arten von Lebewesen von dieser „Krankheit“ befallen sind. Tiere, Pflanzen, Pilze – die Existenz fast aller vielzelligen Individuen ist zeitlich mehr oder weniger eng begrenzt. Manche sterben nach wenigen Tagen, andere erst nach hunderten bis tausend Jahren, aber niemand bleibt über evolutionär signifikante Zeiträume am Leben. Und das kommt nicht von ungefähr. Laut sogenannter adaptiver Alterstheorien hat der Tod einen evolutionären Nutzen.

Zunächst einmal würden Lebewesen die sich mit konstanter Rate fortpflanzen, aber niemals sterben, ein noch stärkeres exponentielles Wachstum durchlaufen, als unter normalen Umständen schon der Fall ist. Das wiederum würde zu einem verstärkten Ressourcendruck führen und die jeweilige ökologische Lebensnische stärker belasten – möglicherweise so stark, dass die Fitness aller Individuen eines Lebensraumes signifikant abnähme.

Zusätzlich dazu wäre in einem solchen Szenario die Ressourcenverteilung für die Spezies insgesamt evolutionär ungünstig. Die älteren und erfahreneren, aber nicht weniger fitten Mitglieder einer Spezies wären im Kampf ums Überleben stets im Vorteil gegenüber jüngeren Individuen, sodass Eltern überproportional viel Energie und Zeit in ihren Nachwuchs investieren müssten um sie Konkurrenzfähig zu machen, aber ihrerseits nicht wesentlich von einer Fortpflanzung profitieren würden. Ab einer bestimmten zahlenmäßigen Obergrenze würde Fortpflanzung für eine nicht alternde Spezies zu einer überflüssigen Energieverschwendung verkommen. Wenn die eigenen Gene im eigenen Organismus auf Dauer erhalten bleiben besteht kein Anlass mehr sie in Nachkommen zu vervielfältigen.

Auf lange Sicht jedoch würde ein solches Verhalten in eine evolutionäre Sackgasse münden, da die genetische Variabilität abnähme und zunehmend schlecht auf veränderte Umwelteinflüsse reagiert werden könnte. Bei gravierenden Änderungen der Lebensgrundlagen würde die Spezies rasch aussterben. Biologische Unsterblichkeit ist deshalb aus Sicht der Evolution oft eine Fehlanpassung, die durch rasches Aussterben „bestraft” wird. Bislang gibt es aber keine stichhaltigen Beweise für ein genetisches Alterungsprogramm.

(Für Mikroorganismen wie Bakterien, die prinzipiell nicht altern, gilt das in dieser Form allerdings nicht, weil ihre Art der Fortpflanzung und Ressourcenverteilung anders stattfindet und keinen Evolutionsnachteil mit sich bringt. Auch ihre geringe Größe spielt dabei Rolle. Zwar gibt es auch ein paar wenige Vielzeller, die im Grunde nicht altern, wie manche Quallenarten, Muscheln oder Fische. Diese jedoch erreichen eine evolutionär stabile Population durch Gefressenwerden.)

Einen anderen Erklärungsansatz bieten die nicht-adaptiven Theorien. Danach sind Alterung und Tod nur Begleiterscheinungen von anderen, evolutionär selektierten Mechanismen oder teilweise der prinzipiellen Funktionsweise von Evolution.

So werden beispielsweise Gene, die erst nach langer Zeit gesundheitlich negative Auswirkungen oder Nebenwirkungen besitzen nicht zwangsläufig selektiert, weil sie erst nach Ende der Fortpflanzungsfähigkeit ihre Effekte entfalten und damit unbehelligt an Nachfahren weitergereicht werden. Sie mögen zwar eine negative Wirkung auf den Merkmalsträger besitzen, aber sie unterliegen keinem Evolutionsdruck innerhalb der Spezies und werden nicht selektiert. Auf diese Weise kann über längere Zeiträume eine Art „genetische Mülltonne“ entstehen, indem der Anteil an im Alter schädlichen Eigenschaften im Genpool einer Population zunimmt. Je länger die Fortpflanzungsphase einer Art und je geringer die Sterblichkeit durch Fressfeinde in jungen Jahren, desto größer ist der Selektionsdruck auf solche gesundheitlich negativen Eigenschaften und desto höher die Lebensdauer. Dieser Zusammenhang gilt als erwiesen.

Im Umkehrschluss werden verstärkt Gene selektiert und an Nachkommen weitergereicht, die sich bis zum Ende der Fortpflanzungsfähigkeit als günstig und nützlich erwiesen haben. Verfügen diese Gene zusätzlich über negative Nebenwirkungen im Alter, beispielsweise bezüglich Entzündungsregulation, so vermehrt sich auch auf diese Weise ihr Anteil im Genpool.
Da kein wesentlicher Selektionsdruck in Richtung Langlebigkeit und dauerhafte Gesundheit besteht, stellen sich Alterserscheinungen mit Todesfolge als Ablagerungseffekt ein – ausgelöst durch die Evolution verschiedener, ursprünglich nützlicher und fortpflanzungsfördernder Eigenschaften.

Modifikation

Unabhängig davon, ob Altern nun ein positiv selektioniertes genetisches Programm sein mag, oder nur eine Begleiterscheinung, so sind inzwischen einige biochemische Mechanismen bekannt die zentrale Beiträge zur Seneszenz leisten. Die Faktoren reichen dabei über sogenannte Geronto-Gene, Telomer-Abbau, Sauerstoffradikale, Entzündungsreaktionen, Enzymaltern in Mitochondrien und Apoptose. Eine zunehmende Anzahl universitärer Labore und Forschungsgruppen beschäftigt sich bereits seit längerem mit der Untersuchung und Bekämpfung der molekularen Grundlagen des Alterns. In den letzten 10 Jahren erweckt das Forschungsfeld der Biogerontologie zusätzlich das gesteigerte Interesse von Pharmaunternehmen, Privatlaboren, Technologiemagnaten und internationalen Spitzenwissenschaftlern weltweit. Erste Prototypen pharmakologischer Produkte haben das klinische Teststadium am Menschen bereits erreicht. Auch unmittelbarere genetische Eingriffe werden eifrig mit zunehmendem Erfolg an Versuchstieren erprobt. Diese Maßnahmen dürften bei positiver Wirksamkeit ohne signifikante Nebenwirkungen schnell Breitenwirkung und viel öffentliches Interesse entfalten. Es steht durchaus zu erwarten, dass schon in den nächsten 20 Jahren das menschliche Leben erheblich verlängert werden kann. Wo die Grenzen dieser neuen Lebenserwartung liegen werden ist noch weitgehend ungewiss, aber rund 150 Jahre sollten realistischer Weise auf biotechnischem Wege erreichbar sein. Entscheidend zu erwähnen ist dabei, dass der Effekt biochemischer und genetischer Modifikationen nicht darin liegt, einfach länger alt zu werden, sondern die Grenze für Seneszenz „nach hinten“ zu verschieben und somit über einen längeren Zeitraum gesund und jung zu bleiben. Diese Entwicklung ist keineswegs etwas völlig neues oder gar „Unnatürliches“. Allein in den letzten einhundert Jahren stieg bedingt durch den bislang vergleichsweise langsamen technologischen und medizinischen Fortschritt die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland von rund 60 Jahren auf 80 – 90 Jahre.

Politik und Gesellschaft

Bevölkerungswachstum und Umwelt

Generell lässt sich in allen Staaten dieser Erde beobachten, dass die Geburtenrate pro Frau mit steigendem wirtschaftlichen Wohlstand, verbesserter Sozialsicherung, sowie Bildung und Gesundheitsvorsorge stark abnimmt. Es macht dabei nicht einmal einen wesentlichen Unterschied, ob die betreffenden Länder stark religiös oder politisch illiberal geprägt sind. Eine drastisch verlängerte Lebenserwartung und bessere Gesundheitslage in einer Bevölkerung allgemein wird in jedem Falle die Geburtenrate weiter vermindern und mittelfristig das Bevölkerungswachstum auch auf globaler Ebene zum Erliegen bringen. Dieser Trend lässt sich bereits heute beobachten. Besonders drastisch wird die Entwicklung auch deshalb verlaufen, weil bei einer hypothetischen Lebensdauer von 150 Jahren Frauen lediglich im ersten Drittel ihres Lebens überhaupt auf sexuellem Wege fruchtbar sein werden. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung in einer solchen Gesellschaft bald über das Ende der Fruchtbarkeit hinaus entwickeln würde. „Späte“ Nachkommen würden Eltern somit vermutlich auf biotechnischem Wege in Vitro befruchten lassen müssen, was (sofern gewünscht) ein großer Vorteil bezüglich der Anwendung pränataler Biotech-Eingriffe, z.B. zur Beseitigung weiterer genetischer Krankheiten oder anderer biologischer Optimierungen sein kann. Eine stagnierende Bevölkerung hätte zudem für unser globales Ökosystem keineswegs Nachteile. Dank gleichbleibender Anzahl von Konsumenten können Ressourcen und Finanzmittel in Zukunft besser und fairer Verteilt werden. Nahrungsmittelknappheit ließe sich besser und schneller bekämpfen. Wohnraum und Agrarflächen müssten nicht länger in großem Stil zu Lasten anderer Lebewesen und Landschaften ausgedehnt werden. Der globale Energiebedarf würde langsamer und geordneter zunehmen als bislang und der Klimawandel würde weniger schnell und dramatisch ablaufen; sich eventuell sogar kompensieren oder regenerieren lassen.

Bildung und Erziehung

Insgesamt wird sich mit einem abflachen des Bevölkerungswachstums eine zunehmend geringere Zahl von Kindern und Heranwachsenden in einer Gesellschaft bemerkbar machen. Ähnlich wie oben beschrieben, müssten neue und junge Individuen während ihres Lebens verstärkt in Konkurrenz mit erheblich älteren und erfahreneren Menschen treten. Sei es um Arbeitsplätze, Grundstücke, Rohstoffe, Produkte, Partner oder Nahrungsmittel. Im Gegensatz zu gewöhnlichen Tierpopulationen ist das in einer menschlichen Gesellschaft mit all ihren Besonderheiten aber nicht von wesentlichem individuellen Nachteil. Im Gegenteil: den immer weniger Kindern würde eine stark erhöhte Aufmerksamkeit und Beachtung zugutekommen. Kinderbetreuer und Lehrkräfte könnten in weitaus geringerer Zahl als bislang zur Verfügung stehen und ausgebildet werden. Dafür ließen sich die Qualität der Ausbildung und insbesondere die didaktischen Fähigkeiten deutlich verbessern. Das Verhältnis von Lehrkräften zu Schülern wäre mit Leichtigkeit optimal anzupassen; Individuelle Betreuung eher die Regel, denn die Ausnahme. Allgemein verbessertes Lernklima dank kleiner Gruppen ergäbe sich durch die geringe Kinderzahl als angenehmer Nebeneffekt. Zudem würde auch eine größere Anzahl erheblich älterer und erfahrenerer Lehrer und Ausbilder zur Verfügung stehen. Durch diese Maßnahmen nähmen der Bildungsgrad und die intellektuelle, sowie emotionale Reife junger Menschen massiv zu, sodass sie die höhere Erfahrung ihrer durchschnittlich sehr viel älteren Mitmenschen leichter kompensieren können. Der Bereich der Erwachsenenbildung wird in einem solchen Szenario eine umfangreichere Bedeutung erhalten als bislang. Universitäten und Hochschulen erhielten ihren Hauptzulauf nun von erwachsenen Personen, überwiegend mit Berufsausbildung und unternehmerischer Erfahrung, auch von bereits längst abgeschlossenen Akademikern. Das Bildungsangebot würde in Folge dessen noch stärker diversifiziert und spezialisiert und auf die Erfordernisse einer komplexen Arbeitsteilung in einer globalisierten Welt angepasst werden. Zeitgleich käme aber auch interdisziplinärer Bildung eine bedeutsamere Rolle zu und weiterführende theoretische Kenntnisse in den verschiedenen Disziplinen könnten einfacher vermittelt werden. Künstlerische und sprachliche Ausbildungszweige erhielten vermutlich erheblich größeren Zulauf als gegenwärtig.

Finanzen und Soziales

Aus Sicht des Staates ist Seneszenz die tödlichste, weitverbreitetste und teuerste Volkskrankheit überhaupt. Im Budget eines modernen demokratischen Staates machen Gesundheit und Altersvorsorge zusammen mit dem Bildungssystem einen Großteil des Haushaltes aus. Sobald die überwiegende Vielzahl seiner Staatsbürger jedoch ein gesundes, langes und produktives Leben zu führen in der Lage ist, nehmen diese Belastungen rapide ab. Angesichts dessen, dass die Phase der Ausbildung und der altersbedingten Untätigkeit in Relation zur Gesamtlebenserwartung stark verkürzt würde und es in der Lebensspanne dazwischen zu weniger gesundheitlichen Komplikationen käme, stünden starke Haushaltsentlastungen in Aussicht. Und das bei voraussichtlich höheren Steuereinnahmen. Auf eine Renten- und Gesundheitsvorsorge im herkömmlichen Stil ließe sich vermutlich verzichten. Das Konzept eines universellen Grundeinkommens oder Bürgergeldes, sowie eine allgemeine Verringerung der Arbeitszeiten wären eine geeignete Ablösung. Beides wiederum brächte es mit sich, dass Menschen wieder mehr Zeit und Ressourcen in ihren Nachwuchs (sofern vorhanden) oder Familie, ihre eigene Fort- und Weiterbildung, ihre Hobbys oder ähnliches investieren können. Eine positive Rückkopplung entsteht. Der finanzielle Druck des Bildungssystems, innerhalb von einigen Jahrzehnten einer ganzen Generation neuer Menschen alles Wissen, das sie zur Fortführung der Zivilisation benötigen, zu vermitteln, fiele ebenfalls deutlich geringer aus. Das finanzielle „Schreckensszenario“ des demographischen Wandels verflüchtigt sich übrigens hierbei mittelfristig von selbst.

Die technologische Exponentialentwicklung betrifft zwei entscheidend korrespondierende Faktoren. Zum ersten die ständige Erhöhung der technologischen Leistungsfähigkeit und zum zweiten den konstanten Preisverfall. Kurz nach ihrer Erfindung und Marktreife sind begehrenswerte Produkte zahlenmäßig stark limitiert bei intensiver Nachfrage und konzentriertem Produktions-Know-How. Zudem müssen zunächst die eingeflossenen Investitionen für Forschung, Entwicklung, Werbung und Vertrieb abgeschrieben werden. Das macht sie zunächst extrem Teuer, bei dennoch bescheidenem Funktionsumfang, Qualität, Haptik, Ausdauer, Wirkungsgrad etc. Die Vielfalt ist eingeschränkt. Mit zunehmender Weiterentwicklung und Optimierung steigen zeitgleich die produzierten und verkauften Stückzahlen, während das allgemeine Interesse am neuen Produkt mit zunehmender Verbreitung und Kundenzufriedenheit abnimmt und mehr und mehr Hersteller sich des Gegenstandes annehmen. Nach einer Weile fallen Entwicklungskosten kaum noch ins Gewicht. Der Kaufpreis pendelt sich auf geringem Durchschnittsniveau ein, während die Vielfalt der Produktvariationen groß ist. Dieses Muster wird beim Life Extension Produkten und Dienstleistungen nicht anders sein.

Durch all jene potentiellen Einsparungen und Nettomehreinahmen die ein Staat aufgrund der anfangs schleppenden aber stetig zunehmenden Etablierung und Verbreitung solcher Behandlungen und Medikamente erreichen kann, wäre er in der Lage, diese in großen Mengen erwerben und zu verteilen oder wenigstens zu subventionieren, sowohl im Einkauf, als auch in der Produktion. Auch aus diesem Grund dürfte eine solche Behandlung, wenn sie einmal verfügbar wird, in relativ kurzer Zeit breite Bevölkerungsschichten erreichen. Deshalb würde die Behandlung kein Privileg der Reichen bleiben.

Konflikte und Religion

Einsparpotential erweckt der Wandel zu einer längeren und gesünderen Lebensdauer nicht nur im Bildungssektor oder dem Sozialsystem, sondern auch im Verteidigungshaushalt und bezüglich staatlicher Militärinvestitionen und Forschungsprojekte. Ältere, erfahrenere, abgeklärtere und stressfreiere, sowie gebildetere Gesellschaften wären vielleicht nämlich friedlicher, demokratischer, liberaler, progressiver und ethischer in ihrem politischen Handeln ausgerichtet, sodass Verteidigungsausgaben zurückgefahren werden könnten und Konflikte weniger häufig gewaltsam geführt würden. Mit einer Verlangsamung des Bevölkerungswachstums und des globalen Energieverbrauchs verringerte sich zudem der Druck zur Sicherstellung begrenzter Ressourcen wie beispielsweise Erdöl oder seltener Erden, was Konfliktherde ebenso seltener machen würde. Ein positiver Nebeneffekt dieser Entwicklung wäre darin zu suchen, dass sich insbesondere Unternehmen der Rüstungsindustrie bei sinkender Auftragslage verstärkt anderen „artverwandten“ Technologiefeldern wie Luft- und Raumfahrt und Energie- und Ressourcengewinn widmen könnten, was langfristig von zivilisatorischem Vorteil sein mag. Wer Kampfjets und Raketen baut, kann sich auch in der Raumfahrt betätigen, wer U-Boote, Kreuzer und Flugzeugträger konstruiert wird unter Umständen auch Raumstationen und Raumschiffe entwickeln können, wer Laser- und Magnetwaffen entwickelt, kann sich in der Physik nützlich machen (oder die Raumschiffe bewaffnen) und die Hersteller von Sprengstoff könnten im Bergbau – eines Tages gar auf dem Mond oder Asteroiden – fündig werden.

Auf individueller Ebene würde sich langfristiges, vorausschauendes und rationales Denken zunehmend stärker aus purem Eigeninteresse lohnen, weil jeder wüsste, dass er die Konsequenzen seines Tuns auch noch in fernerer Zukunft selber zu ertragen hätte. Dieses Wissen wäre in der Lage innerhalb der Politik und unternehmerischer Managementpositionen einen strategischen Sinneswandel hin zu mehr Kontinuität, Ausgewogenheit und Risikokontrolle zu schaffen. Unter Umständen würden Fehlinvestitionen und Finanzkrisen jedweder Couleur seltener vorkommen.

Eine langlebige, umfassender gebildete und weniger intensiv belastete und stabilere Gesellschaft wird voraussichtlich nicht nur eine zunehmende Resistenz und Gleichgültigkeit gegenüber politischer Ideologien entwickeln, sondern sich auch abgeklärter und wohlüberlegt kritischer gegenüber religiösen Vorstellungen und Institutionen verhalten. Hauptgrund dafür dürfte sein, dass ein längeres und physisch unbeschwertes Leben die Wunschvorstellung nach einer Existenz nach dem Tode erheblich überflüssiger werden lässt. Und schließlich ist die mehr oder weniger eng umgrenzte Lebensspanne der Menschen ein entscheidender Faktor für den Wunsch nach Spiritualität. Die oben beschriebenen sozialen Verbesserungen und Veränderungen werden ihr übriges dafür tun, damit klassische theistische Spiritualität an Rückhalt und Relevanz verliert. Schon heute ist dieser Trend in den wohlhabenden Sozialstaaten eindeutig vorhanden.

Wissenschaft, Technik und Fortschritt

Mit dem Niedergang institutionalisierter Religion ginge ein beschleunigter Aufschwung der Wissenschaft und Technisierung einher. Man stelle sich einmal vor wo die Menschheit heute wohl stünde, wenn die bedeutenden Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts nicht schon längst gestorben wären, sondern noch größtenteils unter uns weilten. Über welche weiteren theoretischen Erkenntnisse über den Kosmos im Großen und Kleinen, die derzeit von einer neuen Generation Wissenschaftler erarbeitet werden, könnten wir beispielsweise verfügen, wenn Einstein, Bohr, Schrödinger und Feynman noch am Leben wären und sie dabei unterstützen und beraten könnten? Eine allgemein höhere Lebenserwartung ermöglicht es zusätzlich, einfacher und zielsicherer als bislang Großprojekte und langfristige Studien und Untersuchungen aller Art anzugehen und erfolgreich zu beenden. Insbesondere bei der Erforschung und Entwicklung manch anderer zukünftiger Technologie im Bereich der Raumfahrt, Robotik und Energiegewinnung wird sich dies als entscheidender Vorteil erweisen. Positive Rückkopplungen mit dem veränderten Bildungssystem ergeben sich obendrein.

Herausforderungen

Wie oben erläutert, wird sich die populäre, aber wenig rationale Sorge bezüglich einer massiven Ungleichverteilung der medizinischen und biologischen Lebensverlängerungsdienstleistungen und Technologien aufgrund staatlicher Interessen und universeller marktwirtschaftlicher Entwicklungsmuster als weitgehend unbegründet erweisen. Der Umstand, dass über längere Zeiträume signifikante Bevölkerungszahlen auf der Erde von den Auswirkungen der Biotechnologie physiologisch profitieren werden, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die sonstigen positiven Nebeneffekte dieser Entwicklung sehr wohl ungleiche Vorteile für Individuen mit sich bringen. Und diesbezüglich wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit herausstellen, dass besonders wohlhabende und machtpolitisch einflussreiche Personen teils deutlich stärker von einer individuellen Langlebigkeit profitieren, als die Mehrzahl der anderen Menschen. In finanzieller Hinsicht kann sich das darin äußern, dass bereits ausgesprochen vermögende Personen durch ihre höhere Lebenserwartung noch langwieriger und ausdauernder in der Lage sein werden ihren Reichtum zu vergrößern und auszudehnen. (Wie reich wären Buffed, Gates und Slim wohl im Jahre 2050, wenn sie dann noch leben würden?) Ein längeres Leben der Menschen insgesamt könnte die Schere zwischen Arm und Reich also ohne weiteres noch weiter spreizen und Vermögenskonzentrationen weiter fördern. Angesichts des Umstandes, dass die Technologien der Zukunft industrielle Wertschöpfungsgewinne noch weiter vergrößern werden, wird noch drängender als heute die Frage danach aufkommen, wie viel Kapitalbesitz einer Einzelperson überhaupt aus ethischer Sicht zugebilligt werden darf. Eine humanistische Gesellschaft wird sich über eine Verschärfung der Ungleichheit und angemessene Gegenmaßnahmen Gedanken machen müssen.

Langlebigkeit wird allerdings nicht nur ein willkommenes „Upgrade“ für Superreiche sein, sondern auch für allerlei andere einflussreiche Individuen, deren Existenz der Menschheit nicht zum Vorteil gereicht. Päpste, Ayatollahs und andere Sektengurus die nicht im Alter von 80 – 90 Jahren natürlich versterben und damit ihre Herrschaft beenden, sondern in Zukunft über viele Jahrzehnte (zumindest rein gesundheitlich) ununterbrochen an der Macht bleiben könnten, sind für die Vision einer humanistischen Zukunft und Gesellschaft massiv hinderlich. Selbstverständlich sähen sich die religiösen Führer zunächst gezwungen die opportunistische Ausnutzung lebensverlängernder Naturwissenschaft irgendwie innerhalb ihrer eigenen starren Dogmengeflechte zu legitimieren oder diese heuchlerisch zu ignorieren. Ein Blick in die Geschichte und Gegenwart zeigt jedoch, dass sie sich davon nicht aufhalten lassen, wenn der weltliche Anreiz zum persönlichen Prinzipienverrat nur groß genug ist. Dass diese Personen ihrer Bevölkerung die entsprechenden Methoden zur Heilung der Seneszenz freiwillig zugutekommen lassen werden, kann getrost ausgeschlossen werden. Das gleiche Problem stellt sich auch mit „weltlichen“ Diktatoren, Revolutionären, Warlords, Monarchen und anderen „lupenreinen Demokraten“ ein, deren zeitliche Einflusssphäre und destruktives Wirken durch ein längeres Leben ausgedehnt wird. Wie man mit diesen Personen zum Wohle der von ihnen unterjochten Gesellschaften zu verfahren hat, wird eine zukünftige Gesellschaft im Rahmen einer global ausgerichteten Vorteilsethik gewissenhaft erörtern müssen. Dass dabei Geheimdienste und Militärkommandos eine Rolle ähnlich der CIA der 70er Jahre spielen könnten, wird notfalls in Betracht kommen müssen.

Eine letzte Herausforderung betrifft den Wert des Lebens an sich. Natürlich kann jeder Mensch auch in Zeiten eines biologisch stark verlängerten Lebens jederzeit durch Unfälle, Mord, Krankheit, Krieg, Hunger, Durst und Suizid sterben. Dennoch erhöht sich mit einer längeren Lebenserwartung auch der Wert eines Menschenlebens an sich. Dies wiederum wird Auswirkungen auf unser Justizsystem und ethisches Verständnis haben. Viele Verbrechen verjähren nach einer bestimmten Zeitdauer und dürfen danach nicht mehr geahndet werden. Lebenslange Haftstrafen für Kapitalverbrechen bedeuten in der Regel einen Freiheitsentzug von bis zu maximal 25 Jahren. Diese zeitlichen Regelungen werden zukünftig an eine längere Lebenserwartung angepasst werden müssen, um ihren sozialen Nutzen und eine ethische Fairness aufrechtzuerhalten. Besonders kritisch wird in einem solchen Szenario die Bewertung der vorsätzlichen Tötung. Denn je länger eine Existenz in Gesundheit und Unbeschwertheit erwartungsgemäß andauert, desto erstrebenswerter und wertvoller wird sie dadurch insgesamt, was ihr Ende – ganz gleich auf welche Art und Weise – umso dramatischer macht.

Diesen Herausforderungen wird sich jede Gesellschaft mittelfristig stellen müssen. Garantiert ist jedoch, dass politischer Konservativismus, mittelalterliche Moralvorstellungen und übertriebene Fortschrittsskepsis nichts zur Lösung dieser Schwierigkeiten beitragen werden, sondern sie sogar verschärfen. Nur die Werte und Errungenschaften der Aufklärung, der Wissenschaft und des neuzeitlichen Humanismus, verpackt in eine Politik, die den Menschen als rationales Individuum behandelt und wertschätzt, werden das Beste aus den Technologien des 21. Jahrhunderts machen können. Denn wie so oft heißt es: nur Wissen kann Wissen beherrschen!

Ein Beitrag von Jan M. Kurz, Bundesbeirat

Jan Kurz

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Co-Gründer und Autor bei Partei der Humanisten
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