Weltweiter Tag genitaler SelbstbestimmungFoto von Walwyn

Am 07. Mai 2015 findet wieder der „Weltweite Tag der genitalen Selbstbestimmung“ statt, den Intaktivisten aus aller Welt vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde. Anlass war der damals erste Jahrestag des mittlerweile berühmt gewordenen „Kölner Beschneidungsurteils“, welches erstmals die nicht medizinische „Beschneidung“ von Jungen als strafbare Körperverletzung wertete – auch dann, wenn die Eltern, z. B. aus religiöser oder kultureller Motivation, dem Eingriff zugestimmt haben.

Intaktivisten sind Menschen, die sich die genitale Integrität und Selbstbestimmung aller Menschen, und insbesondere der Kinder, Mädchen wie Jungen, auf die Fahnen geschrieben haben.

Die Intaktivisten-Bewegung entstand schon in den 1980er Jahren in den USA, wo die nicht-therapeutische, routinemäßige „Beschneidung“ von Jungen seit Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhundert allgemein üblich war.

Nicht zuletzt durch die Aufklärungsarbeit der Intaktivisten ist die Zahl der Routinebeschneidungen von Jungen seit den 1980er Jahren in den USA kontinuierlich gesunken. So ist im bevölkerungsreichsten US-Staat Kalifornien die Rate an routinemäßigen Beschneidungen auf ca. 35% gefallen. USA-weit lag die Rate 2010 noch bei ca. 58% , verglichen mit über 90% noch um 1970.

Wird das Thema „Beschneidung von Jungen“ also in den USA und anderen Teilen der Welt bereits seit Jahrzehnten diskutiert, war dies in Deutschland bis 2012, abgesehen von einigen speziell interessierten Medizinern und Juristen, ein Nicht-Thema. In der öffentlichen Wahrnehmung galt das Thema „Beschneidung von Jungen“, wenn überhaupt, als eine Angelegenheit, die die jüdische und muslimische Minderheit betrifft, nicht aber die „Mehrheitsgesellschaft“. Die Beschneidung galt zudem als kleiner, harmloser Eingriff, der nicht im Entferntesten mit der im öffentlichen Bewusstsein seit einigen Jahren (zu Recht) als grausames Ritual verurteilten Genitalverstümmelung von Mädchen verglichen werden könnte.

Umso überraschender war dann die Heftigkeit, mit der nach bekannt werden des „Kölner Beschneidungsurteils“ im Jahre 2012, die sogenannte „Beschneidungsdebatte“ losbrach.

Anlass des Urteils war die missglückte „Beschneidung“ eines muslimischen Jungen durch einen Arzt. Nach der Operation kam es zu schweren Nachblutungen und Komplikationen. Der Junge konnte gerettet werden, aber die Staatsanwaltschaft war alarmiert.

Der Arzt wurde in erster Instanz freigesprochen, da das Amtsgericht davon ausging, dass eine Beschneidung aus religiösen Gründen vom Erziehungsrecht der Eltern gedeckt sei, und diese daher wirksam in die OP eingewilligt hätten, so dass auch eine Strafbarkeit des Arztes entfiele.

Auf Berufung der Staatsanwaltschaft entschied dann das Landgericht Köln als nächsthöhere Instanz. Es bestätigte zwar den Freispruch, jedoch lediglich deshalb, weil sich der Arzt in einem „unvermeidbaren Verbotsirrtum“ befunden habe. Dies bedeutet, aufgrund der bisherigen Rechtsprechung habe er davon ausgehen können, dass sein Tun rechtlich erlaubt sei. In seiner Urteilsbegründung stellte das Gericht jedoch klar, dass eine medizinisch nicht indizierte Beschneidung keineswegs vom elterlichen Erziehungsrecht gedeckt sei und daher die Eltern nicht wirksam hätten einwilligen können.

Das Gericht konnte dabei auf die rechtswissenschaftliche Vorarbeit von Juristen wie Prof. Holm Putzke stützen, die im vergangenen Jahrzehnt auf diese bis dahin vernachlässigte rechtliche Problematik hinwiesen. Dabei ist zu betonen, dass Putzke und seine Kollegen hier keinesfalls den Straftatbestand der Körperverletzung umdefinierten, sondern nur konsequent zu Ende dachten.

Das „Kölner Beschneidungsurteil“ wirkte wie eine Initialzündung. Alarmiert waren in erster Linie Vertreter der jüdischen und, in geringerem Maße, Vertreter der muslimischen Religion, die die Thematik ausschließlich aus der religiös-kulturellen Perspektive betrachteten, und nunmehr jüdisches bzw. muslimisches Leben in Deutschland insgesamt in Gefahr sahen. Ihnen sprangen zahlreiche Vertreter aus Politik und Medien bei, die diese Perspektive unhinterfragt übernahmen und in der Debatte zusätzlich Antisemitismus und anti-muslimischen Rassismus aufsteigen sahen. Die Politik beeilte sich daher, in einer bisher beispiellosen „Resolution“ im Bundestag eine Gesetzgebung zu forcieren, die die „Beschneidung“ legalisieren sollte. Im Eilverfahren wurde danach ein Gesetz durch den Bundestag gepeitscht, welches am 12.12.2012 beschlossen wurde und die Beschneidung von Jungen als Erziehungsrecht der Eltern generell ausdrücklich legalisierte. Eine in der Rechtswissenschaft überholte und veraltete Rechtsmeinung wurde damit durch Gesetz wiederbelebt. Ein in der Tat bemerkenswerter Vorgang.

Wie ist das zu erklären? War es, wie einige vermuteten, das „Einknicken vor religiösen Lobbies“? Ich denke, nein. Religiöse Erwägungen dürften bei den Überlegungen kaum eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die Gründe für die Art und Weise des Zustandekommens des „Beschneidungsgesetzes“ dürften eindeutig in der unheilvollen deutschen Geschichte zu suchen sein. Die lange Verfolgungsgeschichte der Juden, die in der Vernichtungspoltik der Nazis, der Shoa mit über 6 Millionen unschuldigen Opfern mündete, hat einen massiven Schuldkomplex erzeugt, der in einem ungeschriebenen Verfassungsgrundsatz niederlegt ist: „Jüdisches Leben muss in Deutschland wieder möglich sein“. Und viel stärker als etwa bei den Muslimen ist die Beschneidung nunmal im Judentum verankert, religiös, wie kulturell. Für nicht wenige Juden ist es bis heute das Identifikationsmerkmal ihrer Identität schlechthin. Dies ist ein schwerwiegendes Dilemma.

Aber die Thematik lässt sich nicht darauf beschränken. Denn das „Beschneidungsurteil“ war nicht zuletzt eine Initialzündung für viele betroffene Männer hierzulande, erstmals öffentlich über ihre „Beschneidung“ zu reden. Mehr und mehr trauen sich, unter Überwindung größter Hemmungen und Scham, offen ihre Probleme damit zu thematisieren. Gerade in einer Gesellschaft, in dem das klassische Männlichkeitsideal noch immer die des „Machers“ ist, fällt es den meisten extrem schwer, über Probleme mit ihrem Sexualleben, mit ihrem Penis, dem Symbol der Männlichkeit schlechthin, zu reden.

Zudem ist die Beschneidung, auch in Deutschland, kein muslimisches oder jüdisches Phänomen. Groben Schätzungen zufolge sind etwa 10-15% aller in Deutschland lebenden Jungen und Männer beschnitten. Wenn man bedenkt, dass nur ca. 5% der Bevölkerung Muslime und nur etwas mehr als 0,15% der deutschen Bevölkerung jüdischer Herkunft sind, kann man sich leicht ausrechnen, dass die Mehrheit der hierzulande Beschnittenen keinen jüdischen oder muslimischen Hintergrund hat, sondern aus angeblich medizinischen Gründen beschnitten wurde. Allerdings ist eine Beschneidung auch aus medizinischen Gründen nach heutigem medizinischen Stand nur in sehr seltenen Fällen wirklich notwendig, schon gar nicht vor Eintritt der Pubertät. Die meisten „medizinisch“ beschnittenen Jungen sind Opfer medizinischer Mythen und schlichter Unwissenheit, bei gleichzeitiger Verharmlosung der Folgen des Eingriffes. Immerhin lässt sich damit auch gutes Geld verdienen.

Was die meisten Verteidiger der „Beschneidung“ in ihrer Fixiertheit auf die religiöse, kulturelle oder historische Problematik übersehen oder nicht wahrhaben wollen ist, dass die „Beschneidung“ kein rein symbolischer Akt ist, sondern in erster Linie ein ganz profaner körperlicher Eingriff mit nicht zu unterschätzenden Folgen für die Betroffenen: Mit der Vorhaut wird hochempfindsames, für die sexuelle Stimulation wichtiges Gewebe entfernt. Zudem wird die Eichel, eigentlich ein inneres Organ, dauerhaft freigelegt, was unaufhaltsam zu deren Keratinisierung und Desensibilisierung führt. Viele Beschnittene berichten nicht zuletzt deswegen über massive physische und psychische Probleme, die sich negativ auf ihr Sexualleben auswirken.

Trotz aller historischen, kulturellen und religiösen Verstrickungen: Diese Probleme können nicht vom Tisch gewischt werden und sie lösen sich nicht dadurch, dass man sie verleugnet.

Die Zeit ist reif, auch ein derart altes Ritual zu hinterfragen und als das zu bezeichnen, was sie ist, wenn sie ohne Einwilligung des Betroffenen erfolgt: Körperverletzung. Eine Körperverletzung, die für die Betroffenen lebenslange, negative physische und psychische Folgen haben kann. Aufklärung hierüber ist dringend notwendig. Politische Maßnahmen müssen folgen!

Die Partei der Humanisten unterstützt daher den Weltweiten Tag der genitalen Selbstbestimmung!

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